„Auch die riesige Fußballindustrie und der Profit stehen nicht über dem Wohl irgendeines Menschen“. - Interview mit SGS-Spielerin Manjou Wilde

„Auch die riesige Fußballindustrie und der Profit stehen nicht über dem Wohl irgendeines Menschen“. - Interview mit SGS-Spielerin Manjou Wilde

Um den Schutzmaßnahmen Folge zu leisten spreche ich heute mit SGS-Mittelfeldstrategin Manjou Wilde per Videochat. Manjou kam in der laufenden Saison 2019/20 bisher zu 14 Einsätzen in der FLYERALARM Frauen-Bundesliga. Die U20-Weltmeisterin von 2014 gilt als Musterprofi und Führungsspielerin, die sich stets in den Dienst der Mannschaft stellt.

KS: Hallo Manjou. Herzlichen Dank, dass du Zeit für diesen Videochat hast. Durch den ausgesetzten Trainings- und Spielbetrieb hat man eigentlich den Kopf frei für andere Dinge. Hast du die bisherige Zeit auch genutzt, um dich intensiv deinem Jurastudium zu widmen?

MW: Hallo Kay, danke dass ich hier sein darf. Es ist schon eine verrückte Zeit, die wir gerade erleben. Natürlich nutze ich die Zeit nun anders als vorher, in meinem Kopf hat sich aber nicht allzu viel verändert. Ich war schon immer ein Freund davon meinen vollen Fokus auf die Sache zu legen, die ich gerade tue, sei es vormittags das Studium oder nachmittags das Training, oder gern abends auch nochmal das Studium. Für mich war der Kopf beim Studium schon immer frei vom Fußball, und beim Fußball schon immer frei vom Studium.

KS: An welchem Punkt deines Studiums befindest du dich gerade?

MW: An ´nem richtigen Corona Punkt (lacht). Spaß beiseite, ich befinde mich an einem ziemlich interessanten Punkt. Ich stehe kurz davor so richtig zu entscheiden in welche spezifische Rich-tung ich gehen möchte. Durch diese kleine „Auszeit“ momentan fühle ich mich was diese Ent-scheidungen angeht aber weniger unter Druck. Ich habe in dieser Zeit jetzt sehr viel gelernt, auch über mich selbst. Das wird meine zukünftigen Entscheidungen auf jeden Fall beeinflussen.

KS: Wie trainiert eine Manjou Wilde in einer Zeit, wo Fitnessstudios geschlossen sind und das SGS-Mannschaftstraining ausfällt? Wodurch hältst du dich fit?

MW: Glücklicherweise leben wir in einer Zeit, in der es unendlich viele Möglichkeiten gibt vieles was man sonst so tut nun auf andere Art und Weise zu tun. Laufeinheiten und auch Krafteinheiten stehen noch immer auf der Tagesordnung, anstatt einer Hantel muss dann eben ein Sack Reis her halten. Ich empfinde das als Luxusproblem. Es ist aber auch eine gute Möglichkeit um neue Arten des Trainings kennenzulernen. Vieles mit eigenem Körpergewicht, und zum Beispiel mache ich viel Yoga. Aber ich nutze die Zeit auch sehr intensiv für Gehirnjogging. Ich glaube mentale Stabilität ist das wichtigste, um stärker aus dieser verrückten Zeit herauszu-kommen als man hineingeraten ist.

KS: Am Freitag ist bekannt geworden, dass nach Lea Schüller auch Marina Hegering zur neuen Saison die SGS verlässt und sich den FC Bayern Frauen anschließt. Wie wurde diese Nachricht in der Mannschaft aufgenommen?

MW: Dadurch, dass momentan kein normaler Trainingsbetrieb möglich ist, hat sich natürlich auch die Kommunikation sehr verändert. Es wird schwieriger solche wichtigen Nachrichten der ganzen Mannschaft zu überbringen, deshalb geht jeder so ein bisschen allein mit seinen Emotionen um. Aber natürlich sind Abgänge nie schön, trotzdem gehören sie im Fußball dazu und das wissen wir alle. Ich bin mir sicher, dass wir neue gute Spielerinnen verpflichtet haben und noch verpflichten werden, so wie die SGS es immer tut. Und dass wir als Team näher zusammenrücken werden als je zuvor.

KS: Du bist ziemlich aktiv auf Instagram. Wie wichtig ist dir Social-Media und der Kontakt zu deinen Fans?

MW: Ich finde vor allem wir als Sportler haben da eine große Verantwortung. Es ist ein Privileg, talentiert in etwas zu sein. Mit der Reichweite, die man hierdurch hat kann man so vieles bewirken. Damit meine ich nicht, das Bild eines makellosen Athleten zu verkaufen, denn das ist keiner von uns. Damit meine ich der Welt zu zeigen, dass es in Ordnung ist anders zu sein als alle anderen, dass es dazu gehört Fehler zu machen und dass es von Stärke zeugt für das einzustehen, an das man glaubt. Dadurch geben wir jedem der uns sieht die Freiheit und das Vertrauen das auch zu tun. Ich habe mir gesagt, wenn ich’s mache, dann richtig, halbe Sachen mochte ich noch nie. Seither versuche ich zu zeigen wer ich bin und was mich ausmacht. Es ist mir wichtig, dass ich mit allem was ich poste eine Message vermittle. Wir selbst konnten früher nicht so einfach Nachrichten an Profi Sportler senden und uns einen Tipp oder Inspiration holen. Das ist die schöne Seite von Social Media, und auch die einzige die mich daran reizt, deshalb ist mir das so wichtig. Jemandem auf diese Weise helfen zu können und ein Vorbild zu sein ist der Grund wieso ich das überhaupt mache. Natürlich geht es auf Instagram viel um Bildmaterial und den perfekten Winkel, trotzdem teile ich hauptsächlich meine Gedanken und Gefühle. Ich versu-che ein Beispiel dafür zu sein, dass Instagram nicht nur eine Plattform ist, auf der heile Welten verkauft werden um cooler zu wirken als der Rest, sondern eine Möglichkeit sich inspirieren zu lassen und den Leuten etwas mit auf den Weg zugeben. Ich hoffe, dass jeder der meine Seite besucht sich dazu entschließt, niemals aufzugeben. Genau wie ich.

KS: Die Politik berät in den nächsten Tagen über einen möglichen Start der Fußball Bun-desligen, wie schätzt Du die Chancen für die Flyeralarm Frauen Bundesliga ein? Was wünschst du dir?

MW: Ich habe nur einen einzigen Wunsch: dass wir diese Zeit alle heil überstehen. Fußball ist der Mittelpunkt meines Lebens, aber er ist nicht die Essenz. Gesundheit wird immer das Wichtigste sein, für jeden von uns. Ich bin mir sicher, dass diese Zeit jedem gezeigt hat, wie schnell sich viele Dinge in unserem Leben relativieren können. Nichtsdestotrotz ist egal was entschieden wird, ich werde mit vollem Herzen tun, was mein Trainer von mir verlangt.

Manjou, ich bedanke mich für das nette Gespräch und bin mir sicher, dass wir dich und dein Team bald wieder auf dem Rasen sehen werde. #StayHome & #BleibGesund

© Kay Schuler/SGS Essen

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Last update: 20.02.2020 - 21:42